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Die Geschichte der Wartburg-Tol(l)eranz
Wie alles anfing
Angefangen hat die Geschichte der Wartburg-Tol(l)eranz eigentlich vor einem guten halben Jahrhundert. Bereits in den Swinging Fifties verwöhnte das Eckrestaurant Gutenberg/Rötestraße den Stuttgarter Westen mit gutbürgerlichen Speisen. In den folgenden Jahrzehnten fand man an der heutigen Wartburg-Location mal einen Griechen vor, mal einen Jugoslawen. Bevor die Wartburg dann zu „unserer“ Wartburg wurde, war sie ein waschechter Italiener, oder vielmehr: „La Vera Napoli“. Am 1. Juli 1993 war es schließlich soweit: Ein Ägypter zog ins Napoli und seitdem ist nichts mehr, wie es einmal war.
Von der Boiz zum Kneipenrestaurant
Obwohl... zunächst war alles genauso, wie immer und überall: Die Wartburg war eine typische „Boiz“ mit alten Holztischen aus dunklem Holz, schnörkeligen Porzellanlampen und mit Kork beschichteten Wänden. Irgendwie hing der Mief der vergangenen Jahrzehnte noch immer in jeder Ecke und der Umsatz ließ auch zu wünschen übrig. Und so tagte genau ein Jahr nach der Eröffnung der Soliman´sche Familienrat und diskutierte die Frage: Weitermachen oder Aufgeben? Die Antwort war klar und einstimmig: Jetzt erst recht!
Und dann kam uns der Zufall zu Hilfe und schickte den Innenarchitekten Sigi Rohr aus Böblingen in die Wartburg. Der erfahrene Objektdesigner mit Hang zur Gastronomie sah sich kurz um und hatte sofort eine Vision. Aus der typisch deutsch-italienischen Gaststätte sollte eine Lokalität mit individueller Handschrift werden. Was lag näher, als das Heimatland des ägyptischen Pächters Abdallah Soliman zum Grundkonzept für etwas ganz Neues zu machen? Eine multiple Atmosphäre sollte entstehen, mit Raum für grenzenüberschreitende Kommunikation. Kein feines Restaurant mit weißen Tischdecken, aber auch keine bloße Kneipe für das Feierabendbier. Vielmehr ein Ort, an dem sich jeder wohlfühlen kann. Der Arbeiter im Blaumann neben dem Banker in Schlips und Kragen, der Ägypter, Türke, Spanier, Kroate neben dem Schwaben, jung und alt auf einen Cocktail und ´ne Zigarette oder schick zum Drei-Gänge-Menü. Für die Namensfindung benötigte Sigi Rohr Prosecco und zwei Tafeln Schokolade bis klar war: Das neue Kneipenrestaurant heißt Wartburg-To(l)leranz.
Vielfalt statt Zwiespalt
Auf geht´s! In einer Nacht- und Nebelaktion verwandelte Sigi Rohr die triste Kneipendecke in eine traumhafte Wüstenlandschaft mit blauer Lichtoase. Die Handwerker rückten an und der Kork flog von den Wänden, die alten Holzbänke gleich hinterher und für die Tische hatte sich Sigi Rohr etwas ganz besonderes ausgedacht. Die Gäste waren Tag für Tag Zeuge der Metamorphose. Denn trotz der umfassenden Renovierungsarbeiten war die Wartburg-Tol(l)eranz keinen einzigen Tag geschlossen. Im Gegenteil! Auch wenn sie manchmal nur durch den Hintereingang herein kommen konnten – die Gäste blieben bei der Stange und kommentierten die Verwandlung mit Begeisterung. Da wurden Bilder und Sprüche an die Wände geschraubt, altägyptische Hieroglyphen aufgemalt und Pharaonenmasken in Szene gesetzt. Der Nebenraum erhielt eine blaue Sonne mit pharaonischem Auge und über Vor- und Nachspeisen wachte der Sonnengott.
Und schließlich kamen die neuen Tische! Bunt und individuell wie das Publikum, mit hochwertigen Einlegearbeiten und frischen Farben. Nehmen Sie Platz am Schachbrett auf Tisch sechs, bewundern Sie die Bauchtänzerinnen an Tisch eins oder stellen Sie Ihr Bier auf den Bananenbieger-Spruch an Tisch fünf! Von jedem Tisch eröffnet sich ein neuer Blickwinkel auf Sigi Rohrs Gesamtkunstwerk. Das ist die neue Wartburg-To(l)leranz – bunt, fröhlich und ein bisschen verrückt. Offen für alles und alle. Eben einfach tol(l)!
Das Konzept geht auf
In den darauffolgenden Jahren feiert die Wartburg. Sich selbst, den steigenden Umsatz, die neuen und alten Gäste und viele Parties. Anlässe gibt es genug: Silvester, Geburtstage, Hochzeiten, Taufen, Kommunion und Konfirmation. Und hin und wieder ein echt arabischer Bauchtanz, bei dem die ganze Belegschaft in traditionellen ägyptischen Gewändern bedient. Überhaupt das Personal! Quell unendlicher Geschichten, Turbulenzen und Verwicklungen, großer Loyalität und ganz viel Herzblut für „ihre“ Warburg. Aber so ist das eben, wenn Koch und Kellner, Beiköchin und Bedienung aus aller Herren Länder kommen. Da braucht es manchmal halt Tol(l)eranz und gute Nerven.
Herzstück und Seele des Ganzen ist natürlich der „Patrone“ Abdallah. „Ist der Chef auch da?“, fragen viele Gäste schon am Telefon. Seine Herzlichkeit und Anteilnahme lassen die Wartburg strahlen und tragen zum ganz besonderen Flair bei. Und sind im Großmarkt Ananas im Angebot oder hat der Patrone Datteln aus Ägypten mitgebracht, dann kann es schon mal sein, dass plötzlich ein Tellerchen mit Leckereien auf dem Tisch steht. Einfach so, lasst´s euch schmecken! Hinter den Kulissen agiert die „Chefin“ Ingeborg Soliman. Ihrem „Kampf mit den Institutionen“ im Jahr 1999 ist es zu verdanken, dass der Gehweg vor der Wartburg verbreitert wurde und unsere Gäste im Sommer Speis und Trank auf der Terrasse genießen können. Ob unterm Baum oder direkt am Haus – vor der Wartburg sitzt man mitten im Herzen des Westens und fühlt sich doch wie im Urlaub.
Die Wartburg sagt Danke
Wer hätte das gedacht, dass sich die Wartburg zu solch einer Erfolgsstory entwickelt! Das verdanken wir natürlich in erster Linie unseren Gästen. Ihrer Loyalität und guten Ideen, aber auch ihrer Kritik, für die wir stets ein offenes Ohr haben. Deshalb sagen wir allen, die uns seit vielen Jahren die Treue halten, ein dickes „Dankeschön“ und laden diejenigen, die uns noch nicht (so gut) kennen herzlich ein. Kommen Sie doch einfach mal vorbei – auf eine Pizza oder einen Wartburg-Salat. Wir freuen uns auf Sie!
In unseren Herzen gedenken wir Sigi Rohr, der uns im März 2000 viel zu früh verlassen musste.
Und ist das Wetter noch so trübe – Immer hoch die gelbe Rübe!
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